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Christoph Poschenrieder: Die Welt ist im Kopf

Loben sollst du, alles andere verschweige! So forderte es Martin Walser in einer der jüngeren Debatten um die Rolle des Kritikers. Doch vor manchen Büchern sollte gewarnt werden. Deswegen erfolgt an dieser Stelle ein Plädoyer für das Nichtlesen des Romans „Die Welt ist im Kopf“.

Zugegeben, der Titel, den Poschenrieder oder sein aufmerksamer Lektor diesem Roman gegeben haben, ist recht passend. Die Welt, die dem wohlgesonnenen Leser hier offenbaren wollte, ist tatsächlich nur im Kopf. In dem des Autors. Den Weg aufs Buchpapier hat sie nicht geschafft.
Doch zur Sache: Um keinen geringeren als Arthur Schopenhauer soll es gehen, der sich nach Abschluss seiner Schrift „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu einer Italienreise aufmacht, um dort Lord Byron zu treffen und endlich den Durchbruch zu schaffen. Eine schöne Idee, die ebenso wie die Kapitel des Romans, deren Titel sich an die Struktur der Philosophie Schopenhauers anlehnen, Hoffnung auf etwas Besonderes macht.

Doch geht dieser Anspruch nicht über das Inhaltsverzeichnis hinaus. Vielmehr beginnt hier die Geschichte einer Figur, die Arthur Schopenhauer heißt, mit diesem jedoch herzlich wenig zu tun hat. Das wäre an sich nicht schlimm, würden die vom Verlag verbreiteten Verkaufstexte sowie das Inhaltsverzeichnis nicht eine „lustvolle Reise durch die Philosophie“ versprechen.

Der Schopenhauer im Roman bleibt eine erfundene Figur, die sich in irgendeiner beliebigen, zusammengestrickten Geschichte befindet. Die angedeutete Verbindung zu seinem Werk bleibt im Verborgenen. Die Welt ist im Kopf.

Dabei ist Schopenhauer nicht die einzige Figur, die in dieser Geschichte beinahe hilflos ausgesetzt erscheint. Ab der ersten Seite werden verschiedene Handlungsstränge eröffnet, die ins Nichts laufen, historische Bezüge werden angerissen und nicht zu Ende erzählt, zahlreiche Figuren rund um den historischen Schopenhauer werden eingeführt, meist ungeschickt miteinander verknüpft. Es finden sich gut erdachte nahezu symbolische Szenen, die literarisch durchaus anspruchsvoll sind, doch gehen auch sie über einen ersten Anriss nicht hinaus. Zu welchem Nutzen, fragt man sich. Was soll diese Fülle, diese nicht zu Ende gedachte Motivik? Es beschleicht einen der Verdacht, dass Poschenrieder nicht recht wusste, was er wie erzählen wollte.

Garstig ließe sich unterstellen, dass mit diesem Roman ein Erfolgsrezept nachgekocht werden sollte. À la Kehlmann bedient man sich einfach einer Koryphäe der deutschen Geistesgeschichte, deren Todestag sich übrigens in diesem Jahr zum 150. Mal jährt. Zur Sicherheit nimmt man noch einen berühmten Briten hinzu, ach ja, Goethe sollte auch eine Nebenrolle bekommen. Weil sich bei derlei Personal allerdings sehr viel zu erzählen findet, man aber auch nur verkaufsfördernde 339 Seiten beschreiben möchte, muss eben gestrichen werden.

Natürlich bedeutet literarisches Schreiben immer aus Selektion. Aber das bloße Zusammentragen von Fakten und Anekdoten, die sich ja wunderbar für eine Verbindung von überliefertem Wissen und Weitergesponnenem eignen würden, ergibt noch keinen Text und schon gar keine Geschichte.

Besonders bedauernswert ist dieser Roman für diejenigen, die nicht nur Schopenhauers Namen kennen. Dass der Autor ausdrücklich betont, das Bild vom Miesepeter Schopenhauer brechen zu wollen, den jungen Mann zu thematisieren und nicht den alten Griesgram macht die Sache nicht besser. Immerhin hatte der junge Schopenhauer im Roman gerade sein Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ abgeschlossen. Es scheint, als habe die Romanfigur diesen Umstand nahezu vergessen. Kein einziger Gedanke der Schopenhauerschen Philosophie schafft den Sprung in den Roman. Für den umworbenen Leser wird der Roman zur Mogelpackung. Es steht Schopenhauer drauf, aber leider ist keiner drin. Ebenso wenig wie Goethe und Byron. Schade. Tolles Material, das mit lautem Werbegetöse im ästhetischen Äther verpufft.

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