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Nächste Lesung (Am Mittwoch, den 03. Dezember 2014 um 20:30 Uhr)

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Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Das Phantom des Alexander Wolf ist in mehrfacher Hinsicht ein literarisches Großereignis. Das erste offeriert sich gleich zu Beginn des Roman, als es heißt: “Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.” Liebhaber erster Sätze werden schon jetzt berauscht sein, auch alle anderen werden sich der Sogwirkung dieses Satzes kaum entziehen können. Hier werden mit wenigen Worten ein wunderbares Erzählpanorama aufgefächert und gleichzeitig erzählerische Schwerpunkte deutlich gemacht. Man ahnt: um die Macht von Erinnerungen wird es gehen, auf Seelentiefe darf man hoffen.

Nicht weniger als ein Mord

Der Ich-Erzähler hat also einen Mord begangen, lässt den Leser aber nicht lang auf eine Erklärung warten und nimmt ihn mit in seine Erinnerung an den russischen Bürgerkrieg, an dem der damals Sechzehnjährige teilgenommen hat. Von unfassbarer Hitze geplagt, die Schwere großer Müdigkeit spürend, trifft der junge Mann auf einem Waldweg auf einen Reiter, der sogleich auf ihn schießt und damit das Pferd des Jungen tötet. Als er dann auf den jungen Mann zielt, kommt ihm dieser zuvor und betätigt seinen Revolver, der Reiter fällt. Der junge Mann geht zu ihm, blickt dem Sterbenden in die Augen und flieht auf dessen Pferd.

Die Last der Schuld

Der junge Mann überlebt den Krieg, geht in den 30er Jahren nach Paris, wo sich zu dieser Zeit viele Russen im Exil einrichten, studiert, wird Journalist. Doch eines Tages holt ihn die Vergangenheit bei der Lektüre einer Novelle eines gewissen Alexander Wolf schlagartig wieder ein. Die Geschichte, die unter dem Titel “Abenteuer in der Steppe” zu lesen ist, schildert detailgetreu das traumatisch in der Erinnerung des Mannes haftende Ereignis – diesmal allerdings aus der Perspektive des feindlichen Reiters. Der Erzähler macht sich auf die Suche, mit geringem Erfolg. Eines Tages jedoch trifft er einen Exilrussen, der die Geschichte der dramatischen Begegnung ebenfalls kennt und bestätigt, den damals schwer verwundeten Alexander Wolf gesund gepflegt zu haben. Von der Last der Schuld befreit, stellt der Erzähler die Suche nach dem Autor ein und ahnt noch nicht, dass Alexander Wolf ihm wieder begegnen wird.

Vom Thriller zur Charakterstudie

Der weitere Verlauf der Geschichte soll hier nicht vorweggenommen werden. Dass im Folgenden auch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt wird, darf gesagt werden. Mit wundersamer Eleganz begegnen sich zwei, aus zurückhaltender Neugier wird Verlangen – allein diese Liaison ist meisterhaft erdacht und erzählt. Doch gibt es in diesem Roman keinen Strang, der parallel läuft. Alles ist kunstvoll miteinander verwoben, kein Nebensatz, der nicht von Bedeutung ist. Der große Gedanke, der über allem schwebt ist der, dass Erinnerung immer eine “gemachte” Erinnerung ist. Die Abhängigkeiten und Irrtümer, aber auch die Erwartungen und Ziele, die daraus entstehen, werden hier beleuchtet.

Literarisches Großereignis

Ein literarisches Großereignis wird der Roman neben allem bereits genannten auch durch die Tatsache, dass er zwar bereits 1947 im Original erschienen ist, doch erst seit 2012  in deutscher Übersetzung gelesen werden kann (brilliant von Rosemarie Tietze). Aber gute Bücher werden nun mal nicht schlecht und darum ist es umso lobenswerter, dass der Carl Hanser Verlag sich dieses Textes angenommen hat und ihn der deutschsprachigen literarischen Welt zugänglich macht. In Ihrem Nachwort gibt Rosemarie Tietze Einblick in die Rezeptionsgeschichte des Romans und vergleicht das literarische Können Gasdanows völlig zu recht mit dem Vladimir Nabokovs. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und Gasdanow noch höher bewerten. Doch mag diese Einschätzung auch dem nach der Lektüre noch lang anhaltenden Rauschzustand geschuldet und mit gewissem zeitlichen Abstand neu zu betrachten sein. Zu Selbstversuchen sei an dieser Stelle dringend geraten.

 

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