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Thomas Glavinic: Lisa

Ein Mann flüchtet mit seinem achtjährigen Sohn in ein Landhaus irgendwo in den Bergen. Er flüchtet vor Lisa, einer Serienmörderin, die überall auf der Welt mehr oder weniger grausame Verbrechen begeht und die nun auch in die Wohnung des Mannes eingebrochen ist. Die einzige Spur, die Lisa hinterlässt, ist ihre DNA. Niemand kennt ihr Gesicht, keiner weiß, wo sie sich gerade aufhält, wo sie als nächstes zuschlagen wird. Der geflohene Mann hat Angst und findet ein Sprachrohr: Über Internetradio erzählt er der “Welt da draußen” seine Geschichte, von Lisa und allem, was ihm gerade in den Sinn kommt.

Es ist wirklich schade, dass der neue Roman von Thomas Glavinic, der in dieser Woche erschienen ist, alles und nichts zu erzählen hat. Schon der Einstieg ist schwierig: Der Ich-Erzähler ist nicht nur ständig zugedröhnt von Koks und Alkohol, er hat auch noch ein defektes Mikro, das seine verbalen Ergüsse unterbricht und sie beliebig beginnen und enden lässt.

Dadurch ist der Erzähler der Geschichte, Tom, denkbar schlecht ausgerüstet, eine glaubhafte Geschichte zu erzählen. Die Versuche des Helden, sich in diesem zugedröhnten Zustand gesellschaftskritisch zu äußern, finden ihre schwachen Höhepunkte in Sätzen wie diesem: “Versteht ihr, viele Menschen versuchen Leben zu leben, von denen sie schon gehört haben. Die sie schon kennen und als unbedenklich zertifiziert bekommen haben. Sie alle sind fremdbestimmt, mehr oder weniger.” Derlei Erkenntnisse bleiben leider sehr oberflächlich und können nicht wirklich begeistern.

Neben dem in seinen Möglichkeiten zu stark eingeschränkten Erzähler ist die Story selbst ein weiteres Problem. Nachdem man sich einigermaßen mit dem Erzähler arrangiert hat, wird man auf die Fährte eines Thrillers, einer Kriminalhandlung gelockt. Es gibt eine Verbrecherin, die gefasst werden muss, die in greifbarer Nähe scheint, es gibt einen Kriminalkommissar, der im Kampf “einer gegen alle” die Welt vor Lisa zu retten versucht und für den Mann und seinen Sohn scheint es eine real existierende Bedrohung zu geben. Eines Nachts hält ein Auto vor dem Landhaus, beleuchtet es ein paar Minuten lang mit seinen Scheinwerfern und fährt dann wieder weg. Kurz darauf finden Vater und Sohn bei einem Spaziergang eine Hütte mit einer seltsamen Maschine, deren Funktionsweise sie nicht zu identifizieren vermögen sowie eine kleine Kammer und darin ein Bett, an dem dem Erzähler “irgendetwas nicht gefällt”. Bedrohliche Hinweise in einem Thriller, hier aber leider…nichts.

Während der Lektüre stellt sich einem leider ständig die Frage, was gerade warum erzählt wird und wie man diesen Monolog aus Assoziationswirrwarr, angefangenenen und abgebrochenen Gedankengängen verstehen soll. Es gäbe zahlreiche Ansätze, über dieses Buch nachzudenken: Da ist der drogensüchtige, alleinerziehende Vater, der nach einer unglücklichen Kindheit und missglückten Partnerschaften ein Soziallegastheniker zu sein scheint, unter Verfolgungswahn leidet und natürlich an der Welt an sich. Daraus könnte man doch was machen…

Oder geht es um das allgegenwärtige Böse, das Unkontrollierbare, das einen überall und jederzeit packen und vernichten kann. Und auch das Verschwimmen von Realität und Fiktion, die aufgehobenen Grenzen zwischen dem “Leben da draußen” und in der virtuellen Welt werden uns vom Autor irgendwie aufgetischt. Irgendwie – und dabei bleibt es.

In “Lisa” hängen Gedankenfetzen im luftleeren Raum, oder besser im Internetradio, dem vielleicht nicht mal jemand zuhört. Diese Wahrnehmungsschnipsel mag man als Ausdrucksform der “Generation Internet” gelten lassen. Aber wenn dies dem Roman als Konzept zugrunde liegen soll, muss man leider sagen: Das hat nicht funktioniert.

Schade! Eigentlich kann Thomas Glavinic sehr tolle Bücher schreiben.

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