Wir bringen Vielzitiertes und Unbekanntes, Modernes und Klassisches, Dramatisches und Kurioses zu Gehör.
Nächste Lesung (Am Montag, den 21. Mai 2012 um 20.30 Uhr)

Just Porn?

Im Sputnik Kino am Südstern (Berlin-Kreuzberg)

Kreuzberg liest

Wolfgang Herrndorf: Tschick

“Zwei Jungs. Ein geknackter Lada. Eine Reise voller Umwege durch ein unbekanntes Deutschland.” Ich gebe zu: Anfangs war ich skeptisch. Ich war noch nie ein Abenteuer-Leser, Huckleberry Finn war nie mein Freund und um Romane, in denen Wörter wie “endbescheuert” und “strahlkotzen” vorkommen, mache ich normalerweise einen großen Bogen. Doch ich habe das Experiment gewagt und “Tschick” von Wolfgang Herrndorf gelesen.

Maik Klingenberg, 14 Jahre alt, Kind ebenso reicher wie hirnverbrannter Eltern, hat Sommerferien. Seine Mutter regeneriert sich wie so oft mit einem Alkoholentzug in einer Klinik, Maiks Vater vergnügt sich mit seiner Assistentin im Urlaub. Maik nutzt die Gelegenheit, gibt der Putzfrau frei und plant nichts als sich von anderen unbehelligt und am Pool der Berliner Villa liegend voll und ganz seiner Traurigkeit hinzugeben. Denn Tatjana, die “superporno” ist und von ihm hingebungsvoll angebetet wird, hat ihn nicht zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen. Und was fast noch schlimmer ist: Sie hat ihn nicht nur nicht eingeladen, sie ignoriert ihn.

Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, ebenfalls 14 Jahre alt, hat es von der Förderschule aufs Gymnasium geschafft, lebt aber in einem der “Assi-Hochhäuser” in Hellersdorf und schafft es regelmäßig, seine intellektuellen Fähigkeiten im Suff zu ertränken. Als er zu Ferienbeginn zufällig an Maiks Haus vorbeiradelt, beschließt er, Maik aus seiner Traurigkeit zu reißen und mit ihm eine Tour in einem geknackten Lada zu unternehmen. Ziel: die Wallachei, denn dort wohnt Tschicks Großvater.

Und so brechen Maik und Tschick gemeinsam zu einer Reise auf. Mit nicht mehr im Gepäck als tiefgekühlter Nahrung, die sich als ungenießbar herausstellt, Übernachtungsutelsilien, 200 € Feriengeld von Papa Klingenberg (“Mach kein Scheiß”) und jeder Menge Zeit, denn es sind Sommerferien – die schönste Zeit des Jahres im Leben eines Schülers. Einziges Problem ist, dass weder Tschick noch Maik wissen, wie sie ihr Ziel (irgendwie Süden) erreichen sollen: “Dresden lag ziemlich sicher im Süden, und da nahmen wir erst mal diese Richtung. Aber wenn wir die Wahl hatten zwischen zwei Wegen, fuhren wir nach Möglichkeit den kleineren mit weniger Autos, und da gab es dann bald immer weniger Wegweiser. (…) Deshalb fuhren wir dann immer rechts–links-rechts-links, aber das war auch nicht besser. Man sollte meinen, dabei könnte man nicht im Kreis fahren, aber wir schafften es. Als wir zum dritten Mal an einem Wegwieser standen, wo es links nach Markgrafpieske und rechts nach Spreenhagen ging, kam Tschick auf die Idee, nur noch Orte anzusteuern, die mit M oder T anfingen. Aber davon gab es eindeutig zu wenig.”

Mit derlei prächtigem Orientierungssinn ausgestattet bewegen sich Maik und Tschick irgendwie durch den Osten Deutschlands und begegnen dabei einer Menge kurioser Personen, die man kaum schöner hätte erfinden können. Während ihrer Odyssee kommen sich die beiden Jungs näher, freunden sich an – miteinander und mit dem Leser, der sich ganz gleich welchen Alters nur anstecken lassen kann von den zutage tretenden Sehnsüchten zweier Verlorener. All das wird so wunderbar leicht und mit einem liebevollen Blick auf die Helden erzählt, dass ich die nicht ganz so geschmeidigen Jugendkraftausdrücke gern in Kauf nahm, sie sogar schätzen lernte.

Ein Buch für den Sommer, für die Lust am Aufbruch – und für alle, die auf der Suche nach dem Wesentlichen sind.

Bisher gibt es keine Kommentare.
  • Katharina und Ulrich im Interview bei Motor FM. Alle Rechte: Motor FM

  • Newsletter abonnieren

    Keine Lesung verpassen! Im Newsletter informieren wir euch einmal pro Monat über neue Termine. Schickt einfach eine E-Mail an thiel [at] salon-kreuzberg.de
  • Lesung: Gelebter Wahnsinn

  • Lesungen to go

    Ihr gebt eine Party und hättet gern eine besondere Überraschung für eure Gäste? Ihr möchtet euer Firmen-Event unvergesslich werden lassen? Oder möchtet ihr euren Schülern die literarischen Stoffe im Lehrplan kreativ vermitteln? Dann fragt uns. Wir stellen euch individuelle Programme zusammen und lesen für euch - in Schulen, auf Booten, zuhause, im Park

© Kreuzberg liest - Leitung und Programm: Katharina Thiel | Berlin 2008 -2011