Kristof Magnusson: Das war ich nicht
Chica
go, Hamburg, Tetenstedt. Ein Banker, ein Autor, eine Übersetzerin. Jasper Lüdemann, Henry LaMarck, Meike Urbanski. Alle drei haben einen Plan vom Leben und diese Pläne geraten fast zufällig in Abhängigkeit voneinander.
Meike Urbanski flüchtet vor ihren Freunden, deren Gespräche sich nur mehr um Salzmühlen mit Peugeot-Mahlwerk und Weinkühlschränke mit stoßgedämpften Regalen drehen hinter den Deich – nach Tetenstedt. Dort hat sie sich ein Häuschen erstanden. Die Hypothek soll von ihrer nächsten großen Übersetzung, vom neuen Roman Henry LaMarcks getilgt werden. Meike ist bereit, einzig das Manuskript liegt noch nicht vor.
Denn diesen Jahrhundertroman über 9/11, die Wirtschaft und das Bankensystem hatte Henry doch nur angekündigt, um in einer Talkshow neben Elton John und Stephen Fry nicht länger im Schatten der beiden Redekünstler zu stehen. Doch diese Eitelkeit wird mit einer Schreibblockade böse bestraft. Als Henry im Chicago Tribune zufällig das Bild eines jungen Bankers entdeckt, ist sie da – die Vision eines neuen Romans. Jetzt gilt es nur noch diesen Trader, Jasper, aufzutreiben und sich von der Muse küssen zu lassen.
Doch Jasper Lüdemann hat ganz andere Sorgen: ein Gefallen für einen Kollegen wächst sich zu einer handfesten Katastrophe für die Karriere des ehrgeizigen Traders aus. Und mittendrin trifft Jasper auf Meike, die nach Chicago gekommen ist, um nach Henry zu suchen, der aus Angst vor dem Erwartungsdruck seines Verlages abgetaucht ist. Der Kreis schließt sich, das Chaos erreicht seinen Höhepunkt.
Magnusson lässt jede Figur abwechselnd Episoden der Geschichte erzählen, findet für jeden eine eigene Sprache und verwickelt seinen Leser in eine grandiose Dynamik, in einen Sog der Ereignisse, dem der Leser ebenso wenig entkommen kann, wie seine Figuren. Gelegentlich fürchtet man, dass er letztere in Klischees abdriften lässt, der eigensüchtige Autor, der karrieresüchtige Banker und die Mitdreißigerin auf Sinnsuche – das gab es doch alles schon.
Richtig. Doch bei Magnusson bleiben es nicht nur Typen. Die Begegnungen seiner Protagonisten miteinander sorgen für Tiefe und Persönlichkeit. Dieses Buch ist kein Wirtschaftsthriller, keine Gesellschaftskritik und auch nicht wirklich eine Liebesgeschichte. Dieses Buch will nichts, es ist. Und zwar unglaublich lesenswert.