Matt Beynon Rees: Der Attentäter von Brooklyn
Palästina – ein Land, das um seine Existenz kämpft, ein Konflikt, der nach Jahrzehnten noch immer unlösbar scheint, eine Region, in der zu leben eine große Herausforderung ist.
Bemüht man sich als “Außenstehender”, den Nahost-Konflikt zu verstehen, hat man es schwer, sich einen objektiven Blick auf die Lage zu verschaffen. Zu komplex erscheint die Verzahnung der unterschiedlichen Interessengruppen, die in diesem Konflikt agieren. Ein Glück, dass es Bücher wie die Kriminalromane von Matt Beynon Rees gibt, die dabei helfen, diese Verzahnung zu erkennen und zu verstehen:
Hochspannung auch im 4. Fall von Omar Jussuf
Mit dem palästinensischen Lehrer und Ermittler Omar Jussuf hat der in Jerusalem lebende Journalist Matt Beynon Rees eine Figur geschaffen, die sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen bewegen kann und dadurch ein umfassendes Bild der gegenwärtigen palästinensischen Gesellschaft zeichnen kann. Schauplatz des 4. Falles von Omar Jussuf ist allerdings Brooklyn, New York. Als Lehrer an einer UNO-Schule in Bethlehem ist Omar Jussuf zu einer UNO-Konferenz nach New York eingeladen, wo er einen Vortrag halten soll. Doch es ist ein anderes Ereignis, das ihn mehr freut: endlich wird er seinen Sohn Ala besuchen können, der seit einigen Jahren in dem großen, von Palästinensern bewohnten Viertel “Little Palestine” lebt.
Von Jetlag und eisiger Kälte im winterlichen New York geplagt, traut er zunächst seinen Augen nicht, als er hinter der offenstehenden Tür des Appartments seines Sohnes die Leiche eines Mannes entdeckt – ohne Kopf. Die Kleidung des Toten deutet auf Alas Mitbewohner. Als Ala kein Alibi für die Tatzeit liefern kann, wird er verhaftet. Für Omar Jussuf ist dies der Anfang eines schlimmen Albtraums…
Zu viele profitieren vom Leid anderer
Was die Fälle von Omar Jussuf so lesenswert macht, ist die Fähigkeit Rees, stets alle Seiten eines Konflikts zu beleuchten und die Abhängigkeiten der Handlungsträger ans Licht zu befördern. So finden sich bei ihm Figuren wie den Palästinenser und nun in New York lebenden Polizist Hamsa Abajat, der mit dem Vorurteil der arabischen Terroristen aufräumen will und daher auf absolute Härte gegen arabische Kriminelle setzt. Oder die Figur Haitham Abdel Hadi, Schuldezernent im Erziehungsministerium in Ramallah, der von den von Korruption durchdrungenen, palästinenschen Machtstrukturen profitiert hat und dem der aufklärerische, humanistisch gebildete Omar Jussuf ein Dorn im Auge ist. Mit derlei Personal kann es zu einer Intrige kommen, an der sowohl “Schläfer” der Hamas und korrupte Funktionäre der PLO als auch Vertreter der internationalen Diplomatie Anteil haben. Dabei braucht der Plot weder ein bombastisches Setting noch wilde Verschwörungstheorien. Vielmehr wird deutlich, dass es banale Machtstrukturen sind, die überall auf der Welt menschenunwürdige politische Systeme etablieren, weil es für die Mächtigsten so am bequemsten ist und weil es zu viele andere gibt, die von diesen Strukturen profitieren, und damit die Möglichkeit verdrängen, sie zu hinterfragen
Auch die internationale Gemeinschaft bleibt von Kritik nicht verschont. Als Omar Jussuf auf der UN-Konferenz das Wort erteilt wird, hat er genug von dem wohltätigen Geschwafel mancher Delegierten aus aller Welt: “Sie hier kennen nur die Klischees, die Stereotypen. Die Menschen bei uns aber verbringen ihre Tage nicht damit, sich nach einem unabhängigen Staat zu sehnen – sie wissen nämlich, das ihre Politiker zu korrupt und zu zerstritten sind, um das erreichen zu können. Sie sind auch nicht bereit, für diesen Kampf ihre Kinder zu opfern. Es mag Ihnen schwerfallen, das zu verstehen, aber was die normalen Palästinenser wollen, ist genau das, was den meisten Bürgern in den arabischen Ländern versagt ist: Freiheit und Wohlstand.”
Lesen!